Gesunde Haut im Rollstuhl: Tipps zur Prophylaxe
Das stundenlange Sitzen im Rollstuhl birgt eine unsichtbare, aber lebensgefährliche Gefahr: den Dekubitus (Druckgeschwür). Was mit einer kleinen, harmlosen Rötung beginnt, kann sich ohne Vorwarnung in eine tiefe, monatelang eiternde Wunde verwandeln. Da das Schmerzempfinden bei vielen Rollstuhlfahrern (z. B. bei Querschnittlähmung) eingeschränkt ist, bleibt der Gewebeschaden oft lange unbemerkt. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie du mit der richtigen Routine, dem optimalen Sitzkissen und einem einfachen Trick deine Haut effektiv schützt.
Was ist ein Dekubitus und warum sind wir gefährdet?
Ein Dekubitus ist kein reines Hautproblem, sondern eine Schädigung des darunterliegenden Gewebes, die durch lang anhaltenden Druck und sogenannte Scherkräfte (z. B. beim Vorrutschen im Stuhl) entsteht. Der Druck presst die feinen Blutkapillaren zusammen, wodurch das Gewebe nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Die Zellen sterben ab. Besonders gefährdet sind die Areale, an denen Knochen direkt unter der Haut liegen und kaum schützendes Fettgewebe vorhanden ist – allen voran das Sitzbein, das Kreuzbein und die Fersen.
Tägliche Routine: Kontrolle und Reinigung
Um einen Dekubitus zu verhindern oder zumindest frühzeitig zu erkennen, solltest du dir eine besondere Routine aneignen. Speziell die Stellen, welche besonders gefährdet sind, wie das Gesäß, solltest du regelmäßig kontrollieren oder von einer Vertrauensperson kontrollieren lassen. Wichtig ist ebenfalls eine gründliche Reinigung. Dies ist besonders dann der Fall, wenn du auf Inkontinenzmaterial angewiesen bist. In den wärmeren Monaten des Jahres ist die Kontrolle und Reinigung nochmals wichtiger, da bei Wärme noch schneller ein Dekubitus entstehen und schnell voranschreiten kann.
Die tägliche Hautkontrolle am Abend (am besten mit einem Handspiegel oder durch Angehörige) ist Pflicht. Entdeckst du eine Rötung am Sitzbein, musst du sofort den Fingerdrucktest machen: Drücke mit einem Finger fest auf die gerötete Stelle. Wird die Haut nach dem Loslassen für einen kurzen Moment weiß, ist die Durchblutung noch intakt – es handelt sich um eine harmlose Reizung. Bleibt die Stelle jedoch unverändert rot, liegt bereits ein Dekubitus Grad 1 vor! Das Gewebe ist bereits geschädigt. Ab jetzt gilt: Diese Stelle darf absolut keinem Druck mehr ausgesetzt werden, bis die Rötung vollständig abgeklungen ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wer hier schlampt, riskiert, dass die Wunde aufbricht, sich infiziert und im schlimmsten Fall eine lebensgefährliche Sepsis (Blutvergiftung) auslöst.
Die Rolle des richtigen Sitzkissens
Um einem Dekubitus vorzubeugen und ihn im besten Fall gar nicht erst entstehen zu lassen, ist es wichtig, dass du dich ordentlich lagerst. Da du in der Regel viele Stunden am Tag im Rollstuhl sitzt, ist ein passendes Sitzkissen von großer Bedeutung.
Mittlerweile haben die Hersteller verschiedene Modelle entwickelt, welche sich an den Körper anpassen und somit Druck verhindern. So gibt es neben den klassischen dünnen Sitzkissen, welche auf Dauer einfach nicht geeignet sind, entsprechend gute Lösungen. Zum einen gibt es am Markt sogenannte Gelkissen, welche anstatt mit Schaumstoff mit Gelpads gefüllt sind. Diese sind weich und passen sich deiner jeweiligen Sitzposition an. Der Druck wird auf diese Weise minimiert und Druckstellen entstehen schwerer.
Die absolute Königsklasse für Langzeitsitzer sind statische Luftkammerkissen (wie das bekannte ROHO-System). Sie bestehen aus vielen einzelnen, miteinander verbundenen Luftzellen. Setzt du dich hinein, sinkst du tief ein, und die Luft verteilt sich gleichmäßig, sodass der Druck auf eine extrem große Fläche verteilt wird. Ich habe in meiner Laufbahn als Rollstuhlfahrer beide Systeme getestet und schwöre absolut auf luftgefüllte Kissen. Sie lassen sich über ein Ventil mittels Handpumpe exakt auf das aktuelle Körpergewicht einstellen. Wichtig: Luftkissen müssen täglich geprüft werden. Ein kleiner Luftverlust führt unweigerlich zum „Durchsitzen“ auf der harten Rollstuhl-Sitzfläche – und damit direkt in den Dekubitus.
Ernährung und Flüssigkeit für starke Haut
Um einem Dekubitus vorzubeugen, ist nicht nur die Lagerung wichtig. Du kannst auch mit deiner Ernährung dazu beitragen, dass dein Körper widerstandsfähiger wird. Zunächst solltest du darauf achten, eine gute Trinkmenge von 1,5 bis 2 Litern am Tag einzuhalten. Am besten natürlich Wasser, ungesüßten Tee oder Saftschorlen.
Mit deiner Ernährung kannst du ebenfalls dafür sorgen, dass dein Körper bzw. deine Haut widerstandsfähiger gegen einen Dekubitus ist. Du solltest auf eine eiweißreiche, kalorienangemessene und nährstoffreiche Ernährung achten. Dies ist die Grundlage, um die Hautstruktur zu stärken. Zusätzlich solltest du im besten Fall gesunde Fette (Omega-3), Zink und Vitamin A und C zu dir nehmen. Diese Stoffe können das Immunsystem stärken und bei einer eventuellen Wundheilung natürlich unterstützen. Generell solltest du darauf achten, dass du keine Mangelernährung hast. Speziell Rollstuhlfahrer sollten auch immer auf den Kalorienhaushalt achten. Meist ist es so, dass sich Rollstuhlfahrer weniger bewegen und dementsprechend auch weniger Kalorien verbrennen. Dies solltest du in diesem Zusammenhang beachten. Natürlich lassen sich nicht immer alle Parameter optimal einhalten. Dennoch kann es nicht schaden, etwas auf diese Bestandteile bei der Ernährung zu achten.
Alarmzeichen erkennen: Wann zum Arzt?
Sicherlich hast du auch gelernt, als Rollstuhlfahrer besonders auf deinen Körper zu achten. Speziell wenn es um das Thema Haut und Dekubitus geht, solltest du die empfindlichen Stellen regelmäßig kontrollieren. Sobald du eine bleibende rote Stelle oder gar schon eine leicht nässende Stelle ausmachst, ist das ein erstes Alarmzeichen. Du solltest diese Stelle unbedingt regelmäßiger und genauer kontrollieren und diese entlasten. Wenn keine Besserung eintritt, dann solltest du einen Arzt aufsuchen und ihm das zeigen.
Die frühzeitige Behandlung eines Dekubitus kann im Endeffekt viel Arbeit, Schmerzen und unangenehme Krankenhausaufenthalte vermeiden. Unterschätze niemals die Dynamik einer Druckwunde. Ein Dekubitus entsteht oft innerhalb weniger Stunden, die Heilung dauert jedoch Wochen, Monate oder im schlimmsten Fall Jahre. Sobald die Hautoberfläche beschädigt ist, Blasen wirft oder nässt, liegt ein Dekubitus Grad 2 oder höher vor. Hier ist die häusliche Prophylaxe am Ende. Du benötigst sofort einen professionellen Wundmanager und einen Arzt. Oft bedeutet das eine wochenlange, strikte Bettruhe und eine komplette Mobilisationssperre – du darfst dich also tagelang überhaupt nicht in den Rollstuhl setzen.
Fazit: Vorbeugen ist besser als Heilen
Nahezu jeder Rollstuhlfahrer hat hin und wieder mal Probleme mit der Haut. Zudem ist die Gefahr eines Dekubitus bei einem Rollstuhlfahrer enorm hoch. Deshalb bist du gut beraten, dich möglichst gut dagegen abzusichern und vorzubeugen. Es gibt mittlerweile sehr gute Sitzkissen und selbst im Bett gibt es Anti-Dekubitus-Matratzen, wenn diese notwendig sind. Die Hilfsmittel in diesem Fall sind also vorhanden, du musst diese nur entsprechend gut anwenden. Im besten Fall sprichst du daraufhin deinen Arzt und dein Sanitätshaus an. Diese können dir für deinen individuellen Fall sicher die passenden Hilfsmittel empfehlen.
Einen entstandenen Dekubitus zu heilen, ist nicht in jedem Fall immer einfach. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich je nach Schwere und Grad des Dekubitus über mehrere Jahre hinziehen kann, bis wieder ein halbwegs normaler Alltag möglich ist. Um deine Lebensqualität zu sichern und beizubehalten, solltest du also stets darauf achten und deine Haut entsprechend gut pflegen und dich ordnungsgemäß zu lagern. Falls dann dennoch etwas passieren sollte, dann solltest du möglichst früh einen Arzt aufsuchen, welcher dir dann kompetent helfen kann und dein Leiden möglichst schnell lindern kann. Das Thema Dekubitus ist speziell für Rollstuhlfahrer enorm lästig und auch nach vielen Jahren präsenter denn je.
